Die technische Zukunft von IBM i

Stand: 30. August 2026
IBM i gehört zu den langlebigsten kommerziellen IT-Plattformen überhaupt. Diese Aussage darf jedoch nicht mit technologischem Stillstand verwechselt werden. Gerade in den vergangenen Jahren hat IBM gleichzeitig das Betriebssystem, die POWER-Hardware, den Hypervisor, Db2 for i, RPG, Entwicklungswerkzeuge, Security, Hochverfügbarkeit und AI-Unterstützung weiterentwickelt.
Für einen Blick in die Zukunft muss zudem sauber zwischen zwei Ebenen unterschieden werden: IBM i ist heute das Betriebssystem beziehungsweise die integrierte Plattform; die Hardware darunter basiert auf der IBM Power Prozessor Architektur. Eine Prognose über die Zukunft von IBM i muss deshalb immer beide Roadmaps betrachten.
In dieser Betrachtung werden drei Arten von Aussagen unterschieden:
Belegt bezeichnet von IBM angekündigte, veröffentlichte oder bereits ausgelieferte Entwicklungen
Ableitung bezeichnet eine Schlussfolgerung aus mehreren belegten Entwicklungen
Vermutung bezeichnet eine technisch plausible Entwicklung, die IBM derzeit nicht angekündigt hat.

1. Von System/38 und System/36 über AS/400 zu IBM i

Die eigentliche technische Ahnenlinie von IBM i beginnt vor allem beim IBM System/38. Dessen Architektur enthielt bereits Grundideen, die bis heute zu IBM i gehören: eine integrierte relationale Datenbank, Single-Level Storage, ein objektbasiertes Betriebssystem und das Technology Independent Machine Interface, kurz TIMI. TIMI abstrahiert Anwendungen von der konkreten Prozessorarchitektur und ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass Programme über mehrere Hardwaregenerationen hinweg weitergeführt werden können.1
Das System/36 verfolgte einen stärker praxis- und bedienungsorientierten Ansatz und war im kommerziellen Midrange-Markt sehr erfolgreich. IBM beschreibt die spätere AS/400 als Verbindung der anspruchsvollen Architektur des System/38 mit der einfacheren Bedienung und Administration des System/36.2
1988 erschien die AS/400 mit OS/400. Sie war als Nachfolger sowohl von System/36 als auch von System/38 konzipiert. Besonders wichtig war die Rückwärtskompatibilität: Ein grosser Teil bestehender Anwendungen konnte weiterverwendet werden. IBM bezeichnet diese Investitionssicherung selbst als einen wesentlichen Faktor für den Erfolg der AS/400.3
Danach änderten sich Produktnamen und Hardware mehrfach: Aus AS/400 und OS/400 wurden iSeries, System i und i5/OS und schliesslich IBM i auf IBM Power. Die bemerkenswerte Konstante war dabei weniger der Produktname als die Architekturidee: Anwendungen und Daten sollten möglichst unabhängig von der konkreten Hardwaregeneration bleiben.
Diese historische Eigenschaft ist für die Zukunft wichtiger als die alten Produktnamen. Sie erklärt, weshalb IBM die Plattform bis heute evolutionär verändert, ohne alle paar Jahre einen fundamentalen Neuanfang von Anwendungen zu verlangen.

2. Die grundsätzliche Zukunft von IBM i

Belegt

IBM behandelt IBM i weiterhin als strategisch weiterentwickelte Plattform. IBM i 7.6 wurde am 8. April 2025 angekündigt und ist seit dem 18. April 2025 allgemein verfügbar. IBM garantiert für IBM i 7.6 eine Enhanced-Lifecycle-Policy mit mindestens fünf Jahren Support und einer Erweiterungsmöglichkeit um drei Jahre.4
Noch aussagekräftiger ist die aktuelle IBM-i-Roadmap. Ein 2026 veröffentlichtes IBM Redbook zeigt einen geplanten Supporthorizont bis 2039. Neben IBM i 7.6 erscheinen darin ausdrücklich weitere Generationen mit den neutralen Bezeichnungen "IBM i Next", "IBM i Next + 1" und "IBM i Next + 2". IBM weist bei Roadmaps wie üblich darauf hin, dass zukünftige Planungen geändert werden können.5

Ableitung

Eine Einstellung von IBM i in den nächsten Jahren ist nach der derzeit veröffentlichten Produkt- und Supportplanung sehr unwahrscheinlich. Dafür spricht nicht nur die Roadmap bis 2039, sondern auch, dass IBM gleichzeitig neue Betriebssystemfunktionen, neue POWER-Hardware, neue RPG-Sprachfunktionen, neue Db2-Funktionen, moderne Entwicklungswerkzeuge und AI-Unterstützung ausliefert.6

Vermutung

IBM i dürfte auch in den 2030er-Jahren nicht als völlig neues Betriebssystem auftreten, sondern als kontinuierlich modernisierte Fortsetzung der bestehenden Plattform. Gerade die sehr lange Investitionssicherung ist einer der wirtschaftlichen Hauptgründe für IBM i; ein radikaler Bruch mit der bisherigen Architektur würde einen wesentlichen Vorteil des Systems zerstören. Diese Einschätzung ist eine Prognose und keine IBM-Ankündigung. Sie stützt sich aber auf die bisherige Architekturstrategie und die veröffentlichte Roadmap.7

3. Die nächste IBM-i-Generation

Belegt

IBM hat sich in den vergangenen Releases auf einen ungefähr dreijährigen Rhythmus für grössere IBM-i-Versionen eingependelt. IBM i 7.4 erschien 2019, IBM i 7.5 im 2022 und IBM i 7.6 im 2025. IBM bezeichnet diesen Dreijahresrhythmus selbst als "sweet spot" für die Plattform.8
Zwischen den grossen Releases liefert IBM weiterhin Funktionen über Technology Refreshes und PTF-Gruppen aus. Seit 2025 trennt IBM dabei Hardware Technology Refreshes und Software Technology Refreshes teilweise voneinander.9

Ableitung

Wenn IBM den bisherigen Rhythmus fortsetzt, liegt eine nächste grosse IBM-i-Generation ungefähr im Jahr 2028 nahe. IBM nennt diese Generation aktuell jedoch nur "IBM i Next". Daraus darf weder die Bezeichnung "IBM i 7.7" noch "IBM i 8.0" abgeleitet werden.
Die nächste Hauptversion dürfte vor allem Änderungen aufnehmen, die tief in Betriebssystem, Licensed Internal Code, Security, Datenbank oder andere zentrale Komponenten eingreifen. Kleinere und rückwärtskompatible Erweiterungen wird IBM weiterhin laufend über PTFs und Technology Refreshes ausliefern.10

Vermutung

Für "IBM i Next" sind weitere grundlegende Security-, Verschlüsselungs-, Hochverfügbarkeits- und Automatisierungsfunktionen wahrscheinlicher als eine vollständig neue Benutzeroberfläche oder ein Bruch mit Library-, Objekt- und Job-Konzepten. Dafür gibt es keine konkrete IBM-Ankündigung; es ist eine Prognose aus den Entwicklungsschwerpunkten von IBM i 7.6, TR1 und TR2.11

4. Hardware: Power11 und die Generation danach

Belegt

Power11 ist die aktuelle POWER-Generation. Im Juli 2026 erweiterte IBM die Produktpalette mit dem Power S1112 um ein Entry-System, das für IBM-i-Kunden im Software-Tier P05 vorgesehen ist. IBM i 7.6 TR2, IBM i 7.5 TR8 und entsprechende IBM-i-7.4-PTFs unterstützen dieses System.12
Mit IBM i 7.6 TR2 unterstützt IBM zudem neue I/O-Technik wie PCIe Gen5 und einen 200-Gbit/s-Ethernet-RoCE-Adapter. RoCE wird unter IBM i insbesondere auch für Db2 Mirror verwendet.13
IBM hat gleichzeitig öffentlich erläutert, wohin sich die POWER-Prozessorarchitektur nach Power11 entwickeln soll. IBM Power Processor Chief Architect William Starke beschreibt für die Zeit nach Power11 eine chiplet-basierte Architektur. IBM sieht darin eine Grundlage für mehrere zukünftige POWER-Generationen.14

Ableitung

Die POWER-Entwicklung wird sich künftig weniger allein über höhere Taktraten definieren. Wahrscheinlicher ist eine Kombination aus mehr Rechenleistung pro Socket, höherer Speicherbandbreite, leistungsfähigerem I/O, spezialisierten Beschleunigern, stärkerer Security-Unterstützung und modulareren Chiplet-Strukturen.
Für IBM i bedeutet dies, dass die Plattform auch künftig von Hardwarefunktionen profitieren kann, ohne dass bestehende Business-Anwendungen wegen jeder Prozessoränderung neu entworfen werden müssen. Genau hier wirkt die historische Trennung zwischen Anwendung und Hardwarearchitektur über TIMI weiter.15

Vermutung

Eine zukünftige POWER-Generation nach Power11 wird sehr wahrscheinlich weitere AI- und Kryptografie-Beschleunigung integrieren. Name, Leistungsdaten und konkreter Erscheinungstermin sind jedoch nicht offiziell angekündigt. Von einer bereits feststehenden "Power12" sollte deshalb technisch noch nicht gesprochen werden, auch wenn diese Bezeichnung in Fachmedien teilweise bereits verwendet wird.16

5. Neue IBM-i-Releases werden ältere Hardware weiter zurücklassen

Belegt

IBM i 7.6 unterstützt Power10- und Power11-Systeme, aber keine Power9-Systeme mehr. IBM hatte bereits zuvor festgelegt, dass IBM i 7.5 die letzte IBM-i-Version mit Power9-Unterstützung ist. Entsprechend war IBM i 7.4 die letzte Version für Power8.17

Ableitung

Dieses Muster dürfte sich fortsetzen. Künftige IBM-i-Versionen werden alte POWER-Generationen nicht unbegrenzt unterstützen. Der Grund ist zunehmend nicht nur die Rechenleistung. Secure Boot, neue Kryptografie, Firmwarefunktionen, schnellere I/O-Technologien, NVMe-Funktionen, AI-Beschleunigung und neue Virtualisierungsmechanismen setzen moderne Hardware voraus.
Damit bleibt die Lebensdauer einer Anwendung weiterhin wesentlich länger als die Lebensdauer einer konkreten Servergeneration. Genau diese Trennung dürfte auch künftig ein Merkmal von IBM i bleiben.18

6. Security wird zu einem der zentralen Entwicklungstreiber

Belegt

IBM i 7.6 brachte wesentliche Security-Erweiterungen. Dazu gehört insbesondere die stärkere Integration von Multi-Factor Authentication. Mit IBM i 7.6 TR2 baut IBM diese Funktionen bereits weiter aus, unter anderem durch MFA-Unterstützung in Clusterumgebungen sowie durch External Key Management.19
Auch die Hardwareentwicklung geht in diese Richtung. Power11 bringt zusätzliche Security- und Cyber-Resilience-Funktionen sowie eine Architektur, die auf quantum-safe Security vorbereitet ist.20
Der Markt bestätigt die Bedeutung dieses Themas. In der IBM i Marketplace Survey 2026 von Fortra nannten 64 Prozent der Befragten Cybersecurity als eines ihrer wichtigsten Themen. Gleichzeitig rückte der Mangel an IBM-i-Fachkräften erstmals auf Rang eins der Sorgen.21

Ableitung

Security auf IBM i verschiebt sich damit von einer weitgehend statischen Systemkonfiguration hin zu einem kontinuierlichen Prozess. Schwachstellen müssen erkannt, betroffene Komponenten zugeordnet, PTF-Stände bewertet, Schlüssel verwaltet und Änderungen nachvollziehbar umgesetzt werden.
Künftige Werkzeuge dürften immer stärker die Kette "Schwachstelle erkennen – Auswirkung bestimmen – benötigte Korrektur ermitteln – Änderung planen – Umsetzung kontrollieren" automatisieren. Der Administrator verschwindet dadurch nicht; seine Rolle verschiebt sich stärker in Richtung Policy, Freigabe, Risikobewertung und Kontrolle.22

Vermutung

Es ist plausibel, dass zukünftige IBM-i-Releases Security-Einstellungen stärker policy-basiert zusammenfassen und Fehlkonfigurationen aktiver erkennen. Ebenfalls plausibel ist eine engere Verzahnung von Security Advisory, CVE, PTF-Planung und Change-Prozess. Eine konkrete IBM-Ankündigung für ein vollständig autonomes IBM-i-Security-Management gibt es derzeit jedoch nicht.

7. Hochverfügbarkeit: weniger geplante Ausfallzeit statt magischem "Zero Downtime"

Belegt

IBM bewirbt Power11 stark mit dem Ziel "Zero Planned Downtime". Dabei muss zwischen Hardware, Betriebssystem und konkreter IBM-i-Anwendung unterschieden werden. IBM Redbooks weisen ausdrücklich darauf hin, dass vollständige Zero Planned Downtime für IBM i anspruchsvoll bleibt, weil Hardware, Betriebssystem, Db2 und Anwendungen eng miteinander verbunden sind.23
IBM baut deshalb die Verfahren aus, mit denen geplante Unterbrüche stark reduziert werden können. IBM i Migrate While Active erstellt und synchronisiert ein Zielsystem, während die Produktion auf dem Quellsystem weiterläuft. Wartungs- oder Upgrade-Arbeiten können auf dem Ziel vorbereitet werden; anschliessend erfolgt eine kontrollierte Umschaltung mit möglichst kurzer Unterbrechung.24
Im Juli 2026 kamen weitere Verfahren hinzu. Unter IBM i 7.6 steht unter anderem Partition Mirroring zur Verfügung; zusätzlich wurden Verfahren mit externer Storage-Replikation und weitere Planungs- und Testmöglichkeiten erweitert.25

Ableitung

Die Zukunft dürfte deshalb nicht lauten: "Ein einzelnes IBM-i-System muss nie mehr IPLen." Wahrscheinlicher ist: "Ein Business Service soll verfügbar bleiben, auch wenn ein einzelnes System gewartet, migriert oder ersetzt wird."
Db2 Mirror, PowerHA, Live Partition Mobility, Migrate While Active, Storage-Replikation und schnellere RoCE-Verbindungen passen in genau dieses Architekturmodell. Wartung und Migration werden zunehmend zu einem orchestrierten Wechsel zwischen Systeminstanzen statt zu einem langen Stillstand einer einzigen Maschine.26

8. Administration wird autonomer

Belegt

IBM kündigte im Juli 2026 IBM Power Autonomous Operations an. Dabei handelt es sich um einen AI-Agenten, der Power-Systeme kontinuierlich überwachen und bestimmte Probleme, etwa Kapazitätsengpässe, autonom erkennen und beheben soll.27
Parallel erweitert IBM die SQL-Services von IBM i laufend. IBM i 7.6 TR2 bringt beispielsweise neue Services für CVE-Informationen, PTF-Currency, External Key Management, Journal-Leser und weitere Systeminformationen.28

Ableitung

Die klassische Systemadministration dürfte sich schrittweise von der manuellen Einzelabfrage zu einer stärker automatisierten, service- und policy-orientierten Administration entwickeln.
Statt ausschliesslich Fragen wie "Welcher Job läuft?", "Welches PTF fehlt?" oder "Welche Ressource ist knapp?" manuell zu beantworten, werden Werkzeuge zunehmend selbst Abweichungen erkennen, Zusammenhänge herstellen und Handlungsvorschläge liefern oder innerhalb definierter Regeln selbst Aktionen durchführen.
SQL-Services sind dabei besonders wichtig, weil sie Systeminformationen in einer standardisierten, maschinenlesbaren Form bereitstellen. Dadurch können Scripts, Monitoring, DevOps-Werkzeuge und AI-Agenten IBM-i-Informationen wesentlich einfacher verarbeiten als über klassische interaktive Anzeigen.29

Vermutung

Ein vollständig selbstverwaltendes IBM i ist kurzfristig nicht zu erwarten. Wahrscheinlicher ist ein gestuftes Modell: Das System erkennt einen Zustand, bewertet ihn, schlägt eine Massnahme vor und führt sie nur dann automatisch aus, wenn dafür eine Policy und eine Freigabe existieren. In stark regulierten Umgebungen dürfte die menschliche Kontrolle schon aus Governance-Gründen erhalten bleiben.

9. Cloud wird eine Betriebsform, aber IBM i wird nicht "Cloud-only"

Belegt

IBM i kann weiterhin klassisch auf eigener Power-Hardware betrieben werden. Gleichzeitig steht IBM Power Virtual Server, kurz PowerVS, als Cloud-Betriebsmodell zur Verfügung. Power11-Systeme werden von IBM gleichzeitig für On-Premises und PowerVS positioniert.30
Migrate While Active unterstützt als mögliches Ziel ausdrücklich auch IBM Power Virtual Server. Damit kann Cloud-Nutzung unter anderem für Migration, Disaster Recovery und hybride Betriebsmodelle verwendet werden.31

Ableitung

Ein allgemeiner "Cloud-only"-Kurs für IBM i ist derzeit nicht erkennbar. Technisch wahrscheinlicher ist ein dauerhaftes Wahlmodell:
- eigener Power-Server
- gehostete oder private Power-Infrastruktur
- Power Virtual Server
- hybride Kombinationen daraus
Gerade für IBM i ist dies logisch, weil Unternehmen sehr unterschiedliche Anforderungen an Latenz, Datenresidenz, vorhandene Hardware, Lizenzierung, Hochverfügbarkeit und regulatorische Vorgaben haben.32

10. AI und IBM i

Bei AI müssen drei verschiedene Entwicklungen getrennt betrachtet werden:
1. AI zur Entwicklung und Wartung von IBM-i-Anwendungen
2. AI zur Administration von Power- und IBM-i-Umgebungen
3. IBM i beziehungsweise Power als Plattform für AI-Inferenz
Die ersten beiden Bereiche sind bereits konkret sichtbar. Der dritte Bereich ist technisch möglich, folgt aber einer anderen Architektur.

Belegt

Power11 besitzt On-Chip-AI-Beschleunigung. Zusätzlich bietet IBM den Spyre Accelerator für Power11 als spezialisierten AI-Inferenzbeschleuniger an. Der aktuelle Spyre-Softwarestack setzt Red Hat Enterprise Linux voraus. IBM dokumentiert RHEL 9.6, 9.8 beziehungsweise 10.2 als unterstützte Betriebssysteme für Spyre; IBM i selbst ist damit aktuell nicht das Betriebssystem, unter dem der Spyre-Stack ausgeführt wird.33
IBM Redbooks zeigt ausdrücklich eine Architektur, in der IBM i, AIX oder Linux als "System of Record" über standardisierte und abgesicherte APIs mit einer Linux-LPAR kommunizieren, auf der AI-Inferenz und Spyre laufen.34

Ableitung

Für IBM-i-Anwendungen ist deshalb vorerst folgende Architektur besonders wahrscheinlich:
IBM i hält Transaktionsdaten, Db2 und Businesslogik. AI-Modelle laufen auf einer dafür optimierten Linux-, Power- oder Cloud-Umgebung. Die Verbindung erfolgt über standardisierte APIs, REST, SQL, Messaging oder andere Services.
Damit muss eine geschäftskritische RPG- oder COBOL-Anwendung nicht selbst zum AI-System werden. Sie kann gezielt AI-Funktionen konsumieren, während Datenhaltung und Transaktionslogik auf IBM i bleiben.35

Vermutung

Es ist denkbar, dass IBM zukünftig einzelne AI-Funktionen stärker direkt aus IBM i heraus zugänglich macht. Eine native Spyre-Laufzeit unter IBM i ist derzeit jedoch nicht angekündigt. Deshalb wäre es falsch, aus der Power11-AI-Strategie abzuleiten, dass IBM i selbst kurzfristig zur primären Laufzeitplattform für grosse Sprachmodelle werden soll.

11. Aktuelle und zukünftige Software auf IBM i

Die Zukunft von IBM i entscheidet sich nicht nur an Prozessoren und Betriebssystem-Releases. Für viele Unternehmen ist wichtiger, mit welchen Sprachen, Werkzeugen, Datenbanktechniken und Entwicklungsprozessen bestehende Anwendungen in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren weiterentwickelt werden können.

11.1 RPG bleibt eine aktive Sprache

Belegt

RPG wird weiterhin aktiv entwickelt. IBM veröffentlichte noch im Juli 2026 neue ILE-RPG-Funktionen. Dazu gehören Assertion-Operationen, generische Message IDs für ON-EXCP, LIKE(*EXT), %LOOKUPNE und %TLOOKUPNE sowie zusätzliche Jobinformationen in der PSDS. Die Funktionen werden über PTFs für IBM i 7.5 und 7.6 bereitgestellt.36

Ableitung

RPG wird damit in absehbarer Zeit nicht zu einer reinen Legacy-Sprache ohne Weiterentwicklung. Seine strategische Rolle verändert sich jedoch: Neue RPG-Entwicklung wird stärker modular, procedure-orientiert und mit SQL, REST, JSON, Git, Testverfahren und externen Services verbunden.
Besonders interessant ist die Einführung von Assertions, weil IBM damit eine Sprachfunktion liefert, die ausdrücklich auch für Unit Testing verwendet werden kann. Das passt zu modernen Entwicklungs- und Testmethoden und nicht zu einer Sprache, die lediglich im Wartungsmodus gehalten würde.37

Vermutung

RPG dürfte auch in den 2030er-Jahren eine wichtige Sprache für bestehende geschäftskritische IBM-i-Anwendungen sein. Der Anteil klassischer monolithischer Programme dürfte jedoch sinken, während Procedures, Service Programs, SQL, APIs und automatisierte Tests an Bedeutung gewinnen. Eine Ablösung von RPG durch eine einzige andere Sprache ist derzeit weder technisch erkennbar noch von IBM angekündigt.

11.2 Db2 for i und SQL werden noch zentraler

Belegt

IBM erweitert Db2 for i und die IBM i Services laufend über PTF-Gruppen. IBM i 7.6 TR2 brachte erneut neue SQL-Funktionen und neue QSYS2- beziehungsweise SYSTOOLS-Services, darunter CVE_INFO, GROUP_PTF_CURRENCY_LOCAL, EKM_INFO, CREATE_DATA_JOURNAL_READER und weitere Systemfunktionen.38
SQL dient auf IBM i damit längst nicht mehr nur zum Lesen und Ändern von Anwendungsdaten. Über SQL können heute unter anderem Jobs, Objekte, Security, PTF-Stände, Journale, IFS, Netzwerk, Systemwerte und zahlreiche weitere Systeminformationen analysiert werden.

Ableitung

SQL entwickelt sich zu einer universellen Verwaltungs- und Integrationsschnittstelle von IBM i. CL-Kommandos und klassische APIs werden deshalb nicht verschwinden. Für Automatisierung, Monitoring, Reporting, DevOps und AI-basierte Werkzeuge ist SQL aber besonders attraktiv, weil Ergebnisse strukturiert zurückgegeben werden und sich leicht weiterverarbeiten lassen.
Die weitere Ausdehnung von QSYS2- und SYSTOOLS-Services gehört deshalb zu den wahrscheinlichsten Softwareentwicklungen der kommenden IBM-i-Generationen.39

11.3 Java und Open Source bleiben Teil der Plattform

Belegt

IBM i 7.6 unterstützt aktuell Java 21, Java 17 und Java 8. IBM i 7.5 unterstützt zusätzlich Java 11. IBM liefert für die unterstützten JDKs laufend Service Releases über PTF-Gruppen.40
IBM i verfügt zudem über ein breites Open-Source-Ökosystem. IBM nennt unter anderem Git, Node.js, Python, PHP, OpenSSL, OpenSSH und weitere Pakete, die im PASE-/Open-Source-Umfeld eingesetzt werden können.41

Ableitung

Die Zukunft von IBM-i-Software wird deshalb nicht aus einer einzigen Programmiersprache bestehen. RPG, COBOL, Java, SQL und Open-Source-Komponenten werden je nach Aufgabe nebeneinander existieren. Neuere Web-, API- und Integrationsschichten können mit modernen Open-Source-Technologien realisiert werden, während bewährte Businesslogik in RPG oder COBOL bestehen bleibt.
Diese Mischarchitektur ist für Modernisierung oft wirtschaftlicher als eine vollständige Neuentwicklung funktionierender Kernanwendungen.

11.4 VS Code, RDi, Git und DevOps

Belegt

IBM investiert inzwischen ausdrücklich in Code for IBM i für Visual Studio. Mit IBM i 7.6 wurden unter anderem Verbesserungen für Git-basierte Source-Repositories, Debugging, RPGLE und Db2 for i beschrieben. IBM i 7.6 TR2 brachte weitere Erweiterungen wie MFA-Unterstützung und zusätzliche Environment-Funktionen.42
Der Fortra Marketplace Survey 2026 zeigt erstmals VS Code knapp vor RDi: 58 Prozent der Befragten verwenden VS Code, 57 Prozent RDi. Klassische ADTS-Werkzeuge wie SEU und PDM liegen mit 74 Prozent weiterhin höher, verlieren aber langfristig Marktanteile. IT Jungle bewertet diese Verschiebung ebenfalls als bedeutenden Trend in der IBM-i-Entwicklung.43

Ableitung

Der klassische Entwicklungsweg
SEU / PDM → Compile → Objekt
wird zunehmend ergänzt durch
Git → VS Code oder RDi → Build → automatisierte Tests → Change Management / Deployment.
Dies bedeutet nicht, dass Source Physical Files, SEU oder PDM kurzfristig verschwinden. Es bedeutet aber, dass IBM die strategische Entwicklungsrichtung immer stärker an Werkzeugen und Prozessen ausrichtet, die auch ausserhalb der IBM-i-Welt üblich sind.
Damit wird IBM i für jüngere Entwickler leichter zugänglich, und bestehende Teams können moderne Source-Control-, Review- und Deployment-Prozesse verwenden, ohne ihre Businesslogik zwangsläufig neu schreiben zu müssen.44

11.5 IBM Bob und AI-gestützte Softwareentwicklung

Belegt

Seit Juli 2026 ist das IBM Bob Premium Package for i allgemein verfügbar. IBM beschreibt Bob als AI-gestützten Entwicklungspartner für den gesamten Software Development Lifecycle. Das IBM-i-Paket besitzt spezifische Kenntnisse und Workflows für RPG, COBOL, CL, Db2 for i und native IBM-i-Entwicklung.45
Zu den dokumentierten Funktionen gehören eine native Verbindung zu IBM i, Lesen und Schreiben von Source Members, Kompilierung, SQL-Ausführung, Tests, RPG-Modernisierung und Unterstützung bei der Datenbankmodernisierung.46

Ableitung

Gerade bei IBM i dürfte AI langfristig weniger durch das automatische Schreiben einiger neuer Codezeilen interessant werden als durch das Verständnis grosser bestehender Anwendungen.
Typische Aufgaben sind:
- vorhandenen RPG- oder COBOL-Code erklären
- Abhängigkeiten erkennen
- Business Rules aus bestehendem Code ableiten
- Dokumentation erzeugen oder aktualisieren
- Fixed Format RPG in Free Format überführen
- Testfälle erzeugen
- SQL analysieren und optimieren
- DDS-Strukturen schrittweise modernisieren
- Auswirkungen von Änderungen über grosse Anwendungslandschaften untersuchen
Dieser Schwerpunkt passt zum grössten aktuellen Problem der IBM-i-Community: fehlende Fachkräfte und das Wissen über jahrzehntelang gewachsene Anwendungen.47

Vermutung

AI-Werkzeuge dürften in den nächsten Jahren zunehmend direkt in Analyse, Entwicklung, Test und Change Management eingebunden werden. Besonders wertvoll wäre eine Verbindung zwischen AI-Codeanalyse und tatsächlichen Laufzeit-, Datenbank- und Abhängigkeitsinformationen des IBM-i-Systems.
Damit könnte ein Entwickler künftig nicht nur fragen "Was macht dieses Programm?", sondern beispielsweise "Welche Programme, Dateien, APIs und Jobs sind von dieser Änderung betroffen, welche Tests fehlen und welche Risiken entstehen?".
IBM Bob zeigt bereits die Richtung, aber ein vollständig integrierter, autonomer Modernisierungsprozess für grosse IBM-i-Anwendungslandschaften existiert derzeit noch nicht.

11.6 Was dürfte bleiben und was dürfte verschwinden?

Belegt

IBM entfernt auch bei IBM i einzelne Produkte und Funktionen. IBM veröffentlicht dazu eigene Hinweise für zukünftige Releases. Beispielsweise ist IBM i 7.6 das letzte Release, das den IBM i Modernization Engine for Lifecycle Integration aus dem IBM-i-Portfolio enthält.48

Ableitung

Man sollte deshalb zwischen Architektur und Einzelprodukt unterscheiden. Die IBM-i-Grundarchitektur ist ausserordentlich langlebig. Einzelne Tools, Protokolle, Java-Versionen, Zusatzprodukte und Administrationskomponenten können dagegen sehr wohl ersetzt oder entfernt werden.

Vermutung

5250, CL, Libraries, Objekte und traditionelle IBM-i-Jobkonzepte dürften noch lange erhalten bleiben. Auch DDS dürfte voraussichtlich noch über viele Jahre ausführbar bleiben. Die strategische Weiterentwicklung liegt bei Datenbankdefinitionen jedoch eindeutig stärker bei SQL DDL und bei modernen Entwicklungswerkzeugen.
SEU und PDM werden wahrscheinlich noch lange in vielen Installationen vorhanden sein, aber ihre Bedeutung für neue Entwicklung dürfte weiter sinken. Die Fortra-Zahlen zeigen bereits heute, dass moderne IDEs parallel stark genutzt werden.49

12. Wahrscheinliche Entwicklung bis etwa 2035

Belegt

Für die Jahre 2026 und 2027 ist die Richtung bereits sichtbar:50
- weiterer Ausbau von IBM i 7.6 über PTFs und Technology Refreshes
- breitere Power11-Einführung
- Ausbau von Security und External Key Management
- Weiterentwicklung von Migrate While Active
- neue RPG- und Db2-Funktionen
- Ausbau von Code for IBM i
- IBM Bob für IBM-i-Entwicklung
- Power Autonomous Operations

Ableitung

Um etwa 2028 ist bei Fortsetzung des bisherigen Dreijahresrhythmus eine nächste grössere IBM-i-Version plausibel. Für die Zeit danach zeigt die IBM-Roadmap bereits weitere Generationen als "IBM i Next + 1" und "IBM i Next + 2".
Bei Power ist nach Power11 eine chiplet-basierte Architektur angekündigt. Damit dürfte sich auch die darunterliegende Hardware in den späten 2020er- und frühen 2030er-Jahren weiterentwickeln.
Parallel dürften Security, AI-Unterstützung, automatisierte Administration, DevOps und nahezu unterbrechungsfreie Migration immer stärker zusammenwachsen.51

Vermutung

Bis Mitte der 2030er-Jahre könnte IBM i deshalb folgendermassen aussehen:
- dieselbe grundlegende objektbasierte und integrierte Architektur
- neue POWER-Hardware mit stärker modularisierten Prozessoren und Beschleunigern
- deutlich mehr Security-Automatisierung
- stärkere Nutzung von SQL als System-API
- stärker automatisierte Hochverfügbarkeits- und Migrationsverfahren
- RPG weiterhin als wichtige Business-Sprache, aber stärker modular und serviceorientiert
- Git und moderne IDEs als Normalfall für neue Entwicklung
- AI als alltägliches Werkzeug für Analyse, Dokumentation, Test und Modernisierung
- AI-Inferenz überwiegend über spezialisierte Linux-/Power-Komponenten oder Services, während IBM i System of Record bleibt
- parallele Betriebsmodelle On-Premises, Hosting und PowerVS
Diese Punkte sind eine Prognose, keine Produktankündigung. Sie ergeben sich aus den heute sichtbaren Investitionsschwerpunkten von IBM.52

13. Gesamtbeurteilung

Belegt

IBM veröffentlicht eine IBM-i-Roadmap mit geplantem Support bis 2039 und entwickelt parallel Betriebssystem, POWER-Hardware, RPG, Db2, Security, Hochverfügbarkeit, Entwicklungswerkzeuge und AI-Unterstützung weiter. Damit gibt es gegenwärtig keine belastbaren technischen Anzeichen für ein bevorstehendes Ende von IBM i.53

Ableitung

Die wahrscheinlich wichtigste Veränderung der nächsten Jahre findet nicht im architektonischen Kern statt, sondern an dessen Grenzen.
IBM modernisiert zunehmend die Art,
- wie IBM i abgesichert wird,
- wie Anwendungen entwickelt werden,
- wie Source verwaltet wird,
- wie Änderungen getestet und ausgeliefert werden,
- wie IBM i mit anderen Plattformen kommuniziert,
- wie Systeme überwacht werden,
- wie Wartung und Migration durchgeführt werden,
- und wie bestehende Businesslogik mit AI analysiert werden kann.
Der Kern von IBM i bleibt dabei gerade deshalb wertvoll, weil er nicht ständig neu erfunden werden muss.

Vermutung

IBM i der 2030er-Jahre dürfte intern noch deutlich mit der AS/400 und sogar mit Architekturideen des System/38 verwandt sein. Für Entwickler und Administratoren wird sich die Plattform dennoch erheblich moderner anfühlen.
Die wahrscheinlichste Zukunft ist deshalb weder "IBM i bleibt einfach wie es ist" noch "IBM i wird durch eine völlig neue Plattform ersetzt".
Wahrscheinlicher ist:
IBM i behält seine stabile, integrierte Architektur – während Entwicklung, Security, Administration, Hochverfügbarkeit, Cloud-Integration und AI rund um diesen Kern tiefgreifend modernisiert werden.
Genau darin liegt möglicherweise die grösste Kontinuität dieser Plattform: Die Technik darunter und darum kann sich stark verändern, ohne dass die geschäftskritische Anwendung bei jeder neuen Hardware- oder Softwaregeneration neu erfunden werden muss.54
Manfred Flück
CEO ValFox GmbH, Senior Business Analyst
Jürg Jelinek
Advisory Power Technical Specialist, IBM Switzerland